«Literalität – Sprachkompetenz im Zerfall?»
Datum
Programm
Begrüssung durch Roland Latscha
Referate:
Markus Bundi, Herausgeber, Schriftsteller, Deutsch- und Philosophielehrer Alte Kantonsschule Aarau
Prof. Dr. Miriam Dittmar, Co-Leiterin Zentrum Lesen, Institut Forschung und Entwicklung PH FHNW
Apéro riche und Ausklang
Referat 1: Markus Bundi
Über das scheinbar Überflüssige
Über das scheinbar Überflüssige beleuchtet die Bedingungen für die Möglichkeit des
Denkens, Sprechens und Schreibens – konkret im Schulzimmer und weit darüber hinaus.
Klassisch und mit Kleist gesprochen geht es zunächst um »die allmähliche Verfertigung der
Gedanken beim Reden«.
Sprache ist notwendig an Resonanz geknüpft, das Zur-Sprache-Bringen bedingt Präsenz und
Körperlichkeit. Eine Lehrkraft zeigt auf, legt dar und offen, macht Angebote, »lebt« die
Begeisterung für ihr Fach und hofft, auf diese Weise Interesse zu erwecken, und dies in
vollem Bewusstsein, stets selbst lediglich auf dem Stand der jüngsten Irrtümer zu sein,
wohlwissend, dass man Bildung nicht geben kann, dass sich Bildung nur nehmen lässt.
Gegenseitige Aufmerksamkeit zur selben Zeit am selben Ort hat allerdings wenig mit Effizienz
zu tun, vielmehr mit Offenheit, dem Sich-Einlassen auf Umwege, auf Irritationen, auf
Überraschungen.
Das Schulzimmer ist die geschützte Werkstatt, in der mit Lust und Neugier fabuliert und
argumentiert werden kann, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Sprachvermögen setzt das Mögen voraus, die Gemeinschaft und also den Gebrauch. Wer sich
angesprochen fühlt, kommt in die Gänge und folgt freudig und völlig altersunabhängig dem
ersten, dem einfachsten ABC: Staunen, zweifeln, den Horizont erweitern. Auslöser kann ein
Parallelogramm sein, eine Honigbiene oder die Pointe eines Witzes, gleichviel, auf das Fach(-
Gebiet) kommt es ebenso wenig an wie auf die dafür gewählte Sprache, n’est pas?
Handlungsfähig, sprich mündig, wird, wer in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen. Das
Lernen kann zwar nicht gelehrt werden, doch stellt eine Schule – im Idealfall – die
Rahmenbedingungen sicher, damit Schülerinnen und Schüler ins eigene Denken kommen,
sowohl schriftlich als auch mündlich zu einer eigenen Sprache und einer wohlbegründeten
eigenen Meinung finden. Ein isolierter Mensch hingegen, gefangen in (s)einer digitalen Blase,
von Algorithmen gegängelt, kommt nicht vom Fleck, dreht sich vielmehr im Leerlauf um sich
selbst. Womöglich lernt er das eine oder andere auswendig, auf Dauer bleibt davon jedoch
kaum etwas hängen. Er wird also nie verstehen, stattdessen als zusammenhangloses
Konglomerat ohne eigene Sprache und ohne erarbeitete Bildung immer wieder von null auf
neu starten müssen.
Referat 2: Prof. Dr. Mirjam Dittmar
Literalitätsförderung systematisch verankern
Eine gemeinsame Aufgabe mit immer neuen Herausforderungen für
Schulen, Hochschulen und Bildungspolitik.
Die Aufgabe eines erfolgreichen Bildungssystems besteht darin, sicherzustellen, dass
Schülerinnen und Schüler während und vor allem am Ende der obligatorischen Schulzeit über
ausreichende literale Kompetenzen verfügen, um diese zum Lernen zu nutzen und Informationen
und Aussagen aus unterschiedlichen Medien kritisch einzuordnen.
Gelingensbedingungen für den erfolgreichen Erwerb literaler Kompetenzen liegen in einer
systematischen Literalitätsförderung als gesamtschulische und systemische Aufgabe über die
Fächer und über die Bildungsetappen hinweg. Im Vortrag wird daher der Frage nachgegangen, wie
eine systematische, curricular verankerte und über alle Schulstufen hinweg abgestimmte
Literalitätsförderung gestaltet werden muss, um wirksam zu sein: Was wissen wir aus der
Forschung über jene Komponenten der Literalitätsförderung, die nachweislich zum Lernerfolg
beitragen? Welche Rolle spielen dabei basale Fertigkeiten? Und wie lässt sich Literalität auf der
Diskursebene vermitteln und Strategieanwendung von Anfang an anbahnen? Welche
Erkenntnisse liegen aus der Schulpraxis dazu vor, wie wirksame Literalitätsförderansätze
nachhaltig verankert werden können?
Literalitätsförderung als Thema der Schul- und Unterrichtsentwicklung setzt nicht allein beim
Unterricht einzelner Lehrpersonen an. Vielmehr zielt sie darauf ab, dass Schulen ein
gemeinsames Verständnis hinsichtlich eines lernförderlichen Unterrichts aufbauen und dieses
kontinuierlich weiterentwickeln. Dazu braucht es eine enge Zusammenarbeit von Schulen,
Pädagogischen Hochschulen und der Bildungspolitik.